• Ruths Geschichte: Die langersehnte Magenoperation

    Posted on 1. Januar 2012 by Thomas Hartung in Alle, Erfahrungen, Operationen.

    Hier erzählt Ruth ihre Geschichte, in ihren eigenen Worten. Fachausdrücke oder schwer verständliche Formulierungen wurden mit einer Erläuterung versehen, z. B. MdK, Ergänzungen wurden mit Fußnoten gekennzeichnet.


    Ich bin Ruth, 43, verheiratet und habe einen erwachsenen Sohn…. Mit diesen Worten etwa stellte ich mich im Dezember 2010 vor, als ich zum ersten Mal die Adipositas-Selbsthilfe-Gruppe in Memmingen besuchte. Meine Diabetologin hatte mir einen Flyer gegeben und gemeint, das sei was für mich, ich soll da mal hingehen.

    Meine Verzweiflung über mein krankhaftes Übergewicht war zu diesem Zeitpunkt sehr groß. Schon seit der Pubertät war ich übergewichtig, pummelig am Anfang, dann mit 17 die erste Kur, danach unzählige Diäten, Ernährungsumstellungen, ich kannte jedes Buch und jede neue Formel um Kilos zu verlieren. Abgenommen habe ich fast immer, meist radikal und ungesund, aber ich hatte Erfolg. Aber eben nur bis zu dem Tag, an dem ich mit der Diät aufhörte. Und dann verfiel ich in alte Verhaltensmuster, aß wieder wie und wann und was ich wollte, konnte mich nicht dauerhaft zügeln und… nahm natürlich wieder zu. Meist mehr, als das Ausgangsgewicht aufzeigte. Meine Stoffwechsellage verschlechterte sich mit jeder Diät. Mittlerweile zeigte die Waage 3stellig und der Frust und die Isolation wurden größer. An Sport war nicht mehr zu denken. Mein Alltag war anstrengend, mir taten die Gelenke weh, ich war kurzatmig, ich hab mir schwer getan schöne Kleider zu finden. Normalste Dinge waren ein Problem, z.B. in einem Straßencafe einen Stuhl zu finden, der meinem Gewicht stand hielt. Ich musste im Flieger nach einer Gurtverlängerung fragen, Schwimmbadbesuche glichen einem Spießrutenlauf, die Blicke der Gesellschaft wurden unerträglich. Und ich wusste keinen Ausweg, hielt mich selbst für unfähig mein Gewicht in den Griff zu bekommen, machte mir Vorwürfe, es nicht zu schaffen.

    Kurz nach meinem 40ten Geburtstag wurde dann auch noch Diabetes festgestellt. Noch einmal hab ich mich zusammen gerissen und versucht, Gewicht zu verlieren, anfangs gelang es mir, ich war euphorisch, doch dann wieder der Einbruch, die Werte wurden schlechter, ich war irgendwann auf Insulin angewiesen und das Abnehmen war jetzt fast nicht mehr möglich. Dazu kam, dass ich kaum mehr Sättigungsgefühl verspürte. Ich konnte riesige Portionen essen, und kaum war der Tisch abgeräumt ging ich schon wieder zum Kühlschrank, mir war schon wieder nach Essen. Ein ewiger Kreislauf, eine Negativ-Spirale.

    In der SHG erfuhr ich von konservativen Möglichkeiten abzunehmen, aber auch von der Adipositas-Chirurgie. Aufmerksam hörte ich zu, interessierte mich dafür. Es war wie ein Schlüssel für mich. Diese Möglichkeit schien mir für mich zu passen, ich wollte mehr darüber wissen und besuchte die Adipositas-Sprechstunde im Klinikum Memmingen. Dort lernte ich dann auch Dr.-Mach-Mich-Schlank-Dr.-Krautwurst kennen. Er nahm sich Zeit, untersuchte, klärte auf und hielt mich für eine geeignete Patientin für einen Schlauchmagen, eine Sleeve-Resection. Ich habe viel gelesen darüber, im Internet recherchiert, habe mit Betroffenen und bereits Operierten gesprochen und wurde so zum Spezialisten. Es war mir ein Anliegen viel darüber zu erfahren, denn es ist eine endgültige und nicht mehr umkehrbare Methode die mein Leben völlig ändern wird[1].

    Nun galt es, bei der Krankenkasse eine Kostenübernahme für diese OP zu bekommen. In meinem Fall war das kein leichtes Unterfangen. Die AOK hat immer wieder abgelehnt, neue Gutachten angefordert, Nachweise verlangt, es war ein ewiger Schriftwechsel, großer Frust über den MdK und die Taktik, meine OP in weiter Ferne rücken zu lassen. Ein dreiviertel Jahr ging das….. doch dann, Anfang Dezember 2011 kam die Kostenzusage und ich konnte innerhalb einer Woche operiert werden.

    Die OP war am 15.12.2011 – mein Tag! An dem Tag sollte ein Schlussstrich gezogen werden unter fast 30 Jahren Übergewicht, der Beginn eines neuen, normalgewichtigen Lebens. Die Operation verlief reibungslos, nach einem Tag Intensivstation war ich wieder auf meinem Zimmer, ich konnte schon auf dem Flur laufen und mit einem kleinen Löffel Brühe schlürfen. Schmerzen hatte ich kaum, ich kam ohne Schmerzmittel aus. Mein neues Mägelchen fühlte sich gut an. Natürlich war mein Bauch voller Blutergüsse, es ist schon kein leichter Eingriff (wenn auch laparaskopisch, also ohne Bauchschnitt). Nach 3 Tagen hatte ich schlechte Blutwerte, Fieber und musste mich leider noch mal einer OP unterziehen. Eines der großen Risiken bei solchen OPs ist es, dass Blutungen im Bauchraum entstehen, das war leider bei mir so. Aber auch diesmal konnte ohne Bauchschnitt operiert werden, die Blutung wurde abgesaugt und ich musste hinterher nicht auf Intensiv. Dadurch verzögerte sich mein Krankenhausaufenthalt um ein paar Tage. Die Ärzte und das Pflegepersonal waren sehr aufmerksam, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass sie in Hektik waren, ich konnte mit allen Belangen kommen und fragen.

    Vor der OP war mein Diabetes fast nicht mehr in den Griff zu bekommen. Meine Werte waren ständig zu hoch, trotz Langzeitinsulin nachts war mein BZ am morgen viel zu hoch. Egal, ob ich mich bewegte oder nicht, die Medikamente reichten nicht mehr aus. Direkt nach der OP auf der Intensivstation war mein Blutzucker noch mal hoch angestiegen und wurde über die Infusion korrigiert. Danach nahm ich KEINE Medikamente gegen den Diabetes  mehr ein. Nichts, keine Tablette, keine Spritze… und meine Werte sind völlig normal! Das ist eine der tollsten Nebenerscheinungen nach so einer Schlauchmagen-OP, der Diabetes ist in den allermeisten Fällen hinterher weg[2].

    Die ersten Tage bekam ich Brühe, Tee, dann schon gebundene Suppen, Pudding, Joghurt. Es war spannend, es fühlte sich so neu an etwas zu schlucken. Ich war vorsichtig, aß langsam. Ich konnte von Anfang an gut trinken, schaffte schon bald 1,5 Liter. Und täglich kamen neue Lebensmittel dazu. Ich vertrug alles, sogar schon krümelig gebratenes Hackfleich mit Kartoffelpüree. Es schmeckte und mein neuer Schlauchmagen gab mir deutliche Signale, wann er satt war. Ein tolles Gefühl.

    Jetzt bin ich seit ein paar Tagen zuhause und komme gut zurecht. Die Vorarbeit der Ernährungsberaterin im Klinikum trägt Früchte. Ich bin sicher in meiner Lebensmittelauswahl, ich kaue gut, esse langsam, ich achte darauf, dass ich genügend Eiweiß zu mir nehme. Und so gestalte ich meinen Alltag voller neuer Genüsse.

    Die ersten Kilos sind gefallen. Ich freue mich jetzt auf mehr Bewegung und ein buntes Leben ohne der Einschränkung von 60 kg Übergewicht. 2012 wird mein Jahr – voller Energie und Lebensfreude.

    An dieser Stelle noch mal ganz herzlichen Dank dem Adipositas-Zentrum Memmingen für die tolle Unterstützung. Die Perspektive und die Ermöglichung dieser notwendigen und lebenserhaltenden Maßnahme wäre ohne dieses starke Team nicht möglich gewesen.

    Ich werde ein Leben lang auf mein Gewicht achten müssen, der Schlauchmagen ist nur eine mechanische Hilfe, eine Unterstützung. Auch eine Verhaltenstherapie wird mir helfen, alte Muster zu verarbeiten. Sport gehört auch dazu, mit Spaß an der Bewegung. Mit Selbstbewusstsein und voller positiver Energie werde ich es schaffen und vielleicht auch Wegbereiter sein mit meiner Geschichte, für Menschen die in einer ähnlichen Lage sind wie ich.


    Fußnoten    (↵ returns to text)
    1. Der Schlauchmagen bietet jedoch immer noch die Möglichkeit zu einem sogenannten Magen-Bypass umgebaut zu werden. Rückgängig machen kann man den Schlauchmagen selbstverständlich nicht mehr
    2. Den Grund dafür versucht eine Studie der LMU München in Zusammenarbeit mit dem Adipositas-Zentrum Bogenhausen herauszufinden, siehe hier.
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